Coldiron

Third Gaze

Seductive Secret

Drachengedanken



*~ Moments ~*

*~ Lifeplay - Playlife ~*

*~ Dancing in the rain ~*

Die Brücke
Part I



Endlich erreicht lag sie da, weit über die gähnende Schlucht gelegt. Die Sonne brannte, tief stehend, ihre Strahlen in die leicht gebräunte Haut, unterbrochen von unzähligen Narben in allen Farben und Formen, die man sich nur vorstellen konnte. Unberechenbar stand die Stille versteckt in kahlen Ecken und räusperte sich nur kurz in einem Windhauch, oder in einem entfernten, fast unwirklichem Geräusch. Zwei Pfosten waren in den Boden geschlagen, die Erde war rot, glühte scheinbar im Licht des Tages. Daran befestigt die schweren Taue, die bis zur anderen Seite hinüber reichten. Die Bretter der Brücke waren morsch, einzelne fehlten und es schwankte die Welt bedächtig, als er die Brücke betrat.

Ich hielt inne. Schaute nach unten und brach die Regel derer, die die Höhe meiden. Die Tiefe lag erwartungsvoll unter meinen Füßen, sie wartete gespannt auf meinen Fall, bereit mich endlich zu verschlingen, dass mein Körper zerschellte auf dem steinigen Boden, der von hier nur rudimentär erkennbar war, so einsam und ewig dort unten lag. Voran sollte es gehen, es musste sich etwas ändern. Das Erreichen der anderen Seite war so wichtig.
So wichtig, nicht nur für mich.
Es war ein harter Weg bis hierher gewesen, er war stets heimtückisch in seiner Art, fast lauernd auf einen Moment der Schwäche, um mich zu packen, wie ein Raubtier, die scharfen Zähne in den Nacken hauend, mich herumschleudernd, fast spielend, um mich nach dem Tode achtlos liegen zu lassen auf der roten, glühenden Erde.
Doch nie erreichte mich das Gefühl der Selbstaufgabe, wenn auch schiere Verzweiflung, hilfloser Zorn und unsägliche, bewegungslose Trauer.


Das Herz ein Schlachtfeld der letzten melancholisch geschwängerten Tage und Wochen, die Seele ein abgeerntetes Feld, von Kratern zerklüftet, die tief und dunkel nach rettenden Gedanken lechzten, die sie zuschütten und vergessen machten, damit neues Grün die Narben der Vergangenheit verdecken können, duftreich und farbenfroh. Verführerisch lag sie da, die andere Seite, so nah und doch so viele morsche Bretter der Brücke zu überstehen.
Doch er würde sie überstehen. Er musste.
Es knarrte, es krächzte das Holz, welches so viele Jahre nun seiner Bestimmung folgte, ohne jemals nur einen Menschen in die Schlucht zu entlassen, ihn aufzugeben. Nein, die Brücke gab nie auf, sie gab immer das, was sie geben konnte. Eine Möglichkeit, einen Weg, einen Aufbruch.
Solange er wollte.

Die Sonne stand noch ein wenig tiefer, ich verharrte zu lange auf einigen Brettern, ich stand da und blickte auf die so lieblich anmutende andere Seite, drehte den Kopf und sah das zurückliegende Elend. Plötzlich sah ich ihn, er lief auf die Brücke zu, er nahm zu hastig die ersten Bretter, verlor fast das Gleichgewicht, fing sich, die Brücke schwankte, ich hielt mich fest am groben, rauhen Tau, ging etwas in die Knie und der Junge kam näher...
Mein Junge.
Wir trafen uns in der Mitte der Brücke und er schnaufte, er schwitzte, die Haut rot von der Sonne, die Kleidung verdreckt und scheinbar wochenlang getragen, hing nass an seinem geschunden wirkendem Dasein. Er kam nahe an mich heran, ich spürte seinen nassen Körper an dem meinen, er packte meinen Kopf in seine trockenen, zerfurchten Hände und flüsterte mir in mein Ohr, wobei sich seine mandelförmigen Augen angestrengt zu schmalen Schlitzen verengten.
"Geh weiter", flüsterte er, befahl er fast, und ich spürte beinahe, wie sich meine Füße von selbst in Bewegung setzten, deren Sohlen brannten, als ginge ich auf glühenden Kohlen.
"Geh weiter", wiederholte er in meiner Sprache, "Geh weiter, geh weiter, geh weiter, Dad", und ich hörte das Knarzen der Bretter unter meinen nackten Füßen, die ihren schwankenden Weg fortsetzten.


26.7.07 13:56
 



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